warum #einseitigkeiten eigentlich #zwei_seiten_formen sind und wo #nassehi nicht sieht, was er nicht sieht

In den monaten november und dezember wird armin nassehi den sogenannten “sozblog” der deutschen gesellschaft für soziologie ‘bestücken’. Und wie es hier schon so seltsam tönt, klingt es hier bereits durch: die blog-form ist ein der dgs recht unvertrautes format; der eintrag von nassehi mutet eher dem eines zeitungsartikels oder eines journal beitrags an und so verwundert es auch kaum, dass er nichts zeigt (verweise in form von s finden sich genau 3: ein link zu einem noch unveröffentlichten buch auf amazon, zwei zeitungsartikel auf zeit.de von ihm und hartmut rosa… analogverteidiger bloggen… ). Mit dem verfassen guter blogeinträge (und ich betrachte aktiv vereinnahmend alle blogs als #zettelkästen) wie in (bd. 2) beschrieben hat das noch nichts zu tun. Aber gut, alle oberflächliche und viel zu leichte methodenkritik beiseite gelassen…

In seinem beitrag prangert nassehi zurecht die geringe berichterstatung und vernachlässigbare wahrnehmung des diesjährigen dgs kongresses an. Er führt dies, wenn auch indirekt, auf ein zu geringes konfliktpotential des innersoziologischen diskurses der deutschsprachigen soziologie zurück, genauer:

“Die deutschsprachige Soziologie jedenfalls scheint sich dafür entschieden zu haben, die Suche nach einem einheitlichen Verständnis von soziologischer Wissenschaftlichkeit auch nur für eine mögliche evolutionäre Möglichkeit zu halten und ansonsten auf Variation mit geringen Selektions- und Stabilisierungschancen zu setzen. Von diesem Arrangement hat die Soziologie lange profitiert. Insofern lässt sich eine Kontinuität diagnostizieren – und Kontinuität ist ein Mechanismus, der die funktionale Bedeutung von Reflexion einschränkt, der schlicht Reflexionsnotwendigkeiten und –wahrscheinlichkeiten minimiert.”

Konflikt ist für nassehi das zu pflegende prinzip zur integration soziologischer positionen im innersoziologischen kurs und mit dieser auffassung steht er in guter tradition zu grundsätzlichen annahmen über “die struktur wissenschaftlicher revolutionen” (kuhn), wissenschaftliche diskurse, die konstitution des wissenschaftlichen mediums (wahrheit) und der allgemeinen auffassung von der geschichte der wissenschaft selbst. Konflikte, so nassehi, haben eine strukturierende funktion für die pluralität der wissenschaftlichen positionen, die dem gegenwärtigen toleranz oder summenprinzip vorzuziehen ist, da sie soziologie “erzählbar, inszenierbar” macht. Damit hat nassehi vermutlich vollkommen recht; der konflikt war und ist ein strukturierendes prinzip wissenschaftlicher kommunikation, schlicht schon weil wissenschaftliche wahrheiten explizit und qua wissenschaftlichkeit ihrer behauptung der falsifikation ausgesetzt werden. Die kritisierte monotonie der toleranz der pluralität – “vulgo: desinteresse” – zeigt aber unserer aufassung nach noch in eine ganz andere richtung…

Zwar sind, wie nassehi konstatiert, die positionen und theorien so vielzählig wie stimmen in der soziologie möglich, aber genau das zeigt eine eindeutige zwei-seitigkeit: soziologie, selbst in ihrer gegenwärtigen desinteressiertheit an theorie, schließt qua soziologie anderes aus. Es ist ja nicht so, dass in der soziologie heute alle möglichen stimmen zugelassen wären. Ganz im gegenteil. Revolutionär widersprüchliche ansätze (wir wollen hier unter vielen dirk baeckers “studien zur nächsten gesellschaft“, allgemeiner: ansätze, die sich mit (laws of form – geoge spencer-brown) beschäftigen und diese für die soziologie zugänglich zu machen versuchen, ansätze der integration / kombination von netzwerktheorien, systemtheorie und kybernetik, etc. verweisen…) bleiben nahezu vollkommen unbeachtet. Aber nicht in einer toleranten, oder desinteressierten – alle dürfen mitspielen, mir egal – art, sondern in einer oft sehr direkt exkludierenden weise. Und im wissenschaftlichern kontext bedeutet dies: durch nicht-rezipieren, themensetzungen von kongressen und panels, die solcherlei ansätze ausschließen, usw. Das desinteresse der soziologie ist so auf den zweiten blick eher ein sich wechselseitig beruhigendes netzwerk von integrativen theorien, die durch ihre wechselseitigen verstärkungen ‘gefährlich’ neues ausschließen. Die frage ist, ob es die theorien und ansätze sind, wie nassehi in seinem beitrag vermuten lässt, oder ob es nicht mehr ein “methodisches” problem ist…

Und dann scheint die methodenkritik vom anfang doch nicht so billig und oberflächlich. Es ist nicht ohne bedeutung, dass der blogeintrag von nassehi keinerlei verlinkungen aufweist, und er damit nicht allein, sondern in guter gesellschaft der vorangegangenen blogger ist. Es ist dabei auch nicht bloßes detail am rande, dass der versuch der integration neuer medien am dgs-kongress 2012 (twittern vom kongress, und ) kaum mehr als ein versuch blieb. Siehe folgende, wenige tweets, fast ausschließlich mit dem umstand fehlender tweets beschäftigt:

Die inhaltliche toleranz der pluralität der ansätze spiegelt dabei vielleicht sogar noch am ehesten, was in der gesellschaft gegenwärtig an veränderungen beobachtbar ist. Mit baecker vermuten wir hier eine umstellung von einer funktional differenzierten gesellschaft auf eine , vielleicht eine netzwerkgesellschaft (?) – wie auch immer. Allein die methoden der soziologie und mehr noch, des soziologischen diskurses selbst, scheinen hier noch keine angemessenen antworten (=fragen!) zu finden. Die oben genannten phänomene der armut und die irrelevanz von twitter für soziologische fachtagungen ist dann das eigentlich bemerkbare symptom der an ihrer mangelnden offenheit und requisite variety würgenden soziologie. Wenn nassehi und rosa, die von nassehi als beispielhaft “einseitige”, d.h. streitbare, positionenträger beschrieben werden, dann in ihren beiträgen zum öffentlichkeitswirksamen diskurs nur althergebrachtes (nassehi hier – könnte ein einziges luhmann zitat sein, ohne jeden eigenen beitrag…) oder viel zu unterkomplex kritisch gedachtes (rosa hier – eine dramatische simplifizierung einer fiktiven beschleunigung, die die modernisierung aus modernisierungskritischer sicht beleuchtet; die passende antwort wäre hier, etwas andere stoßrichtung, aber dennoch…) liefern, dann ist dies sicher kein problem des desinteresses, sondern eher eine funktionierende scheuklappe der monotonisierenden deutschsprachigen soziologie, die theorieimmanente probleme aber “methodische” lösungen suchen sollte.

Dass heute eine durch empiriebezug (was immer das genau im einzelfall heißt) objektivierende soziologie (man denke nur an die florierende methode der videoanalyse, die überholt wirkt (in anbetracht der dramatischen sozialen veränderungen, verursacht, kompensiert und beschleunigt durch die erfindung des internets) noch bevor sie wirklich entfaltet wurde) floriert, ist mehr als nur eine zufällige entwicklung. Ebenso mit erschrecken ist eine erneute popularisierung der kritischen theorie festzustellen, die zu der überkomplexen gesellschaft drastisch reduktionistische entwickelt und so der überforderten soziologischen theorieproduktion eine kritische (!) unterforderung gegenüberstellt.

Die von nassehi geforderten einseitigkeiten sind, mit spencer-brown aber vor allem , also zweiseitigkeiten; der angeblich differenzlose toleranzdiskurs der soziologie auch nur eine form der exklusion des ‘gefährlichen’; das theoriedefizit ein “methodenproblem”; und überhaupt: die soziologie ein viel zu selbstgefälliges geschäft. Man gefällt sich doch in dieser underdogposition der unterschätzten selbstbeschreibungsschmiede der gesellschaft…

Was fehlt ist die radikale nicht-nicht position! Ein fenster, kein spiegel (rilke) ein tetralemma des dilemmas… position 5 in  (bd. 2, s. 87-91):

  1. Das eine
  2. Das andere
  3. Beides
  4. Keines von beidem
  5. Nichts von alledem. Und auch das nicht.

Die soziologie, so eine abschließende these, überschätzt und unterschätzt #nicht_wissen; sie reflektiert zu stark was sie sieht und übersieht zusehends, dass sie nicht sieht, was sie nicht sieht und nicht einmal das sieht… Was wir brauchen ist keine soziologie des wissens oder wissenssoziologie, sondern eine soziologie des , was aber als solches ein methodisches, zumindest ein selbstreflexivreflexives theorietheorie unterfangen wäre. Was wir brauchen ist eine irritierbare soziologie, eine, die ihre positionenvielfalt zur beobachtung nutzbar macht; nicht durch einseitigkeiten, sondern das beobachten der , der differenzen; heute eine frage der praxis (!) des umgangs mit informationen auf der höhe der zeit ( bd. 2).

 

Leave a Reply