Beunruhigend beruhigte Rücksichtslosigkeit

In Gesellschaften in Extremsituationen, beispielsweise in Kriegszeiten, während verheerender Umweltkatastrophen, oder in anderen vergleichbaren Ausnahmezuständen, kann man bisweilen beobachten, dass mit dem Zusammenbruch etablierter staatlicher Absicherungen die Solidarität und Rücksicht der Menschen untereinander auf ein alarmierendes Niveau ansteigen kann. (Dieser Einstieg mag verwundern, soll es doch im Folgenden um Rücksichtslosigkeit gehen; doch soll hier schon angedeutet sein, was später behauptet wird: Rücksichtslosigkeit ist kein Krisensymptom und damit zu entschuldigen, sondern im Gegenteil, in stabilen Verhältnissen stabilisierend stabilisiert.) Mit Ralf Dahrendorf mag man vermuten, dass dies besonders in Zeiten manifester Konflikte auf übergesellschaftlicher Ebene auftritt, vermutlich aber auch auf anderen Ebenen (Gruppen, Sektoren, Gesellschaften – Dahrendorfs Begriffe vorausgesetzt) festzustellen wäre.

Eine bestimmte Art der Rücksichtslosigkeit, die heute zu beobachten ist, deutet dagegen auf, bzw. verlangt eine Latenz und strukturalisierte Verborgenheit sozialer Konflikte.

Die Rücksichtslosigkeit, die ich hier meine, kommt in Gestalt einer offen vertretenen und weithin anschlussfähigen Grundlegung des Verhaltens in der Anschauung aktueller Verhältnisse als gerecht und gerechtfertigt daher. Vermögende treten Mittellosen oder weniger Privilegierten mit selbstverständlicher Überlegenheit gegenüber; umgekehrt scheinen diese eher die Verbesserung oder Umkehr ihrer Verhältnisse anzustreben, als einen ebenso denkbaren Ausgleich oder die Minderung der Verteilungsgerechtigkeit. Die Lage scheint beruhigt über sich selbst. Möglicherweise sind es aber auch nur Effekte sozialer und kultureller Mechanismen, welche, wieder mit Dahrendorf gedacht, politische Manifestationsprozesse von klaren Konfliktparteien verhindern oder latente Konflikte in bestehende Parteien von nicht zu regulierenden oder sich kaum verändernden Konflikten blockierend kanalisieren.

In Zeiten solch eklatanter Missstände, wie den heutigen, ist es nicht zuletzt die Beobachtung dieser Ruhe der Beruhigung die verstörend beunruhigt und kaum erträglich an den zum zerreissen gespannten Nerven nagt. Es ist offensichtlich, dass es der Gesellschaft an Reflexionsmöglichkeiten fehlt, diese Probleme und Gründe ihrer eigenen Beruhigung, unter Umständen, die diese unmögliche machen müssten, überhaupt erkennen zu können. Schreiend tritt diese Erkenntnis zutage, sieht man die Anschlussfähigkeit der Rücksichtslosigkeit und die stillschweigende Toleranz der Masse, die zuschaut, den Umständen eine übermächtige Unveränderbarkeit unterstellt und die Motive solcher Rücksichtslosigkeit individuellen Charakteren entschuldigend zurechnet. Die Umstände sind eine Behauptung der Machtlosigkeit, Charakter ist ein Argument des goldenen Kalbs der Individualisierung. Alles, um sich selbst in der Akzeptanz solcher ad hoc Analysen der Ereignisse schulterklopfend zu versichern, dass es der tiefergehenden Analyse nicht bedarf. Es gilt: 1) wir haben kein Problem. 2) Das Problem ist nicht zu lösen. Aus der verrückten Widersprüchlichkeit der Gleichzeitigkeit der Annahme dieser beiden Maximen werden keine Rückschlüsse gezogen. Erst im Zerbrechen der Anschlussfähigkeit dieser Rücksichtslosigkeit, und der gesellschaftlich etablierten Umgangsformen damit, läge das Senfkorn Hoffnung verborgen, die Möglichkeit der Einsicht, es liesse sich ändern, es wäre überhaupt erst dadurch zu beobachten. Der Kaiser ist nackt. Es hilft nichts, auf die Nacktheit aller unter den jeweiligen Gewändern zu verweisen. Ein solcher scheindemokratischer, pseudo-liberaler und menschenverachtend humaner Einwand stabilisiert nur des Kaisers unbezweifelte Entbindung von jeder Rechtfertigung schwachsinnigen Verhaltens. Der Kaiser sind wir; nackt, die Hilflosigkeit, die uns ergreift und an die wir uns klammern; die Scham vor der Nacktheit, unser blinder Fleck. Adorno schrieb schon vor so langer Zeit: “Wahr sind nur die Gedanken, die sich selber nicht verstehen.” () Oh weh, wie gut wir uns doch verstehen!


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