#moral, #wirtschaft, #wissenschaft – #zu_viel oder #zu_fall?

gedanken zu moral, wirtschaft und wissenschaft… drei lose enden…

 

luhmann über die moral: moral integriert nicht (nur) sondern grenzt (immer auch) aus. moral ist die kommunikation von achtung und achtungsbedingungen, die unterscheidung von gut und schlecht (good and evil

das problem von ethik nun ist, dass sie sich immer als verteidigerin der moral verstanden hat. das ist nun nicht verkehrt (außer vielleicht von einem moralischen standpunkt aus; nicht meiner) schöpft aber auch nicht das potential von ethik aus. ethik nach luhmann ist die “reflexionstheorie der moral”. reflektiert man aber nun moral genauer (nicht nur apologetisch) dann fällt auf: moral ist polemogen, d.h. streiterzeugend, ausgrenzend, lerletzend und: kontingent! das fällt dem soziologen auf. das kann aber auch dem ethiker auffallen.

luhmann schlägt der ethik daher, unverbindlich, vor, darüber nachzudenken, ob sie nicht statt moral zu verteidigen, besser oder zumindest auch vor moral warnen sollte.

 

thomas sedlacek hat nun etwas ähnliches, wenn auch gleich in ganz anderen ((teilweise moral-)philosophischen) worten über die wirtschaft von heute berichtet mit einem zug durch die geschichte (“das neue ist stets das noch ältere, erahnte schon wolfgang pauli.stefan seydel in einem kommentar) der wirtschaft (besser nachzulesen vermutlich in seinem buch: die ökonomie von gut und böse, auf deutsch erschienen am 6. februar 2012). kurz gesagt und in stark verkürzter lesart: wie die ethik vor der moral so sollte die wirtschaft vor dem wachstum warnen. wachstum ist kein selbstzweck sondern wenn dann entparadoxierende selbstbeschreibungsformel des doppelkreislaufs der wirtschaft (siehe luhmann über wirtschaft s. 99ff). 

aber auch einen weiteren spannenden gedanken bringt sedlacek als kritik an der wirtschaft (wieder) ins spiel: nämlich die aristotelische vorstellung von des guten, bzw. des gesunden mittelmaßes (siehe aristoteles z.b. hier). kurz eine jede tugend im extrem verkehrt sich ins gegenteil. warnen vor dem wachstum ist damit nun auch nach sedlacek kein bedingungsloses warnen, eher ein realistisches und vor allem: selbstgenügsames warnen. mal ist es möglich, mal eben nicht. vor allem aber ist auch hier wieder wachstum kein selbstzweck.

 

gleiches nun könnte m.e. auch für wissenschaft heute beobachtet werden. wissenschaft unter bedingungen der nächsten gesellschaft, so meine prognose, wird sich auflösen kann sie sich nicht von wissen_schaffen als selbstzweck lösen! wissen scheint mir das wachstum bzw. die moral der wissenschaft zu sein. genauer: wissenschaft muss vor wissen warnen. nur warum? und wie könnte man das umsetzen ggf. man sähe ein, dass es nötig wäre?

in vielerlei hinsicht scheint mir wissenschaft in ihrer form der organisation (die form der universität) als auch ihrer systeminternen strukturen von der gesellschaft überholt zu werden. organisation als (überlebenswichtige) veränderungsverlangsamung ist, zu_viel des guten, tödlich. und dann: das internet korrumpiert wissenschaftliche wahrheit. nicht im sinne einer instrumentalisierung wie im falle korrupter politik; eher in einem “weniger durch mehr”. oder mit elena esposito:

“die beste art, erinnerung auszulöschen, besteht nicht im löschen von informationen (dies ist ja auch nicht möglich), sondern in der produktion eines überschusses an informationen – nicht surch die erzeugung einer abwesenheit, sondern in der vervielfältigung der präsenzen.” (esposito, elena: soziales vergessen, s. 29/30)

tina piazzi und stefan seydel schreiben über das internet: 

“Das Problem ist wesentlich dramatischer: Alles was gewusst werden kann, wird tatsächlich gleichzeitig auch ganz anders gewusst” (tina piazzi, stefan m. seydel: warum twitter ein sicherer ort ist, medienheft.ch)

wissenschaft kann heute ihre aufgabe nicht mehr darin sehen wissen zu produzieren. zumindest nicht alleine. 

bringt die wissenschaft .

oder noch mal anders: wissen alleine ist heute nicht mehr (wissens)wert. es zählt das nicht_wissen, das un_wissen und vor allem der kontext. («The Context ist the Message.» (Bazon Brock) zitiert nach: http://bit.ly/wIWrBJ )

ganz konkret heißt das m.e.: wissenschaft der nächsten gesellschaft muss vor wissen warnen. sie ist die reflexions_theorie/form des wissens / der wahrheit. sie kann dies aber nur dann, wenn und dadurch, dass sie kontexte zeigt, hinterfragt, positioniert, immer im modus der beobachtung zweiter oder dritter ordnung. zumindest mehr als die cultural turns wollten und konnten. mehr als kultur (als historischer begriff – luhmann) brachte. mit dirk baecker: die form der kultur der nächsten gesellschaft ist das kalkül der form von george spencer brown. (baecker: was ist kultur? s.6)

oder vielleicht: die form der wissenschaft der nächsten gesellschaft ist das kalkül der form. 

mögliche anschlussüberlegungen:

  • kultur als wissenschaft – wissenschafts_kultur der
    warnen, wissen, kontexte
  • wertequadrate (, bd. 1): auf der suche nach der schwestertugend der wahrheit… zur form der wissenschaft der nächsten gesellschaft
  • für die wissenschaft

 

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quellen: 

aristoteles: nikomachische ethik.

bachmann-medick, doris: cultural turns. neuorientierungen in den kulturwissenschaften.

baecker, dirk: was ist kultur?

esposito, elena: soziales vergessen. formen und medien des gedächtnisses der gesellschaft.

luhmann, niklas: die moral der gesellschaft.

piazzi, tina / seydel, stefan m.: die form der unruhe, band 1 & band 2.

piazzi, tina / seydel, stefan m.: warum twitter ein sicherer ort ist, medienheft.ch.

sedlacek, tomas: the economics of good and evil. the quest of economic meaning from gilgamesh to wall street.

 

 

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