Da stehe ich nun und hadere. Sicher nicht der erste, der sich diese Gedanken macht, sicher nicht der letzte. Und da wären wir auch schon mitten drin. Folgende Beobachtungen, lose verknüpft, in den letzten Wochen gemacht: Begonnen hat es auf der Tagung der Sektion Kultursoziologie (diesem link nur auf eigene Gefahr folgen – keine Garantie für Design und Qualität der verlinkten Website) der DGS in Dresden am 20. und 21. Juni 2013 mit dem Titel: “Kultursoziologie im 21. Jahrhundert”. Auf dieser Tagung, so war mein persönlicher Eindruck, versammelte sich eine Reihe mehr oder weniger mutiger Vortragender, dicht verfolgt (!) von einer Riege ‘Alter Herren’ (mit einer weiblichen Ausnahme), welche die Vorträge kommentierten. Soweit, so gewöhnlich (auch wenn der Grad an Explikation dieses Verhältnisses schon beeindruckend war, war doch von Organisationsseite – die Idee ‘Junge’ tragen vor, ‘Alte’ kommentieren –  strukturell ins Programm eingeschrieben…. als hätte es dazu bedurft). Das Thema der Tagung war jedoch vielversprechend: Kultursoziologie im 21. Jahrhundert – das klang richtungsweisend, programmatisch, aufregend, irgendwie nach etwas Neuem.

Bis auf zwei Ausnahmen (Thomas Schmidt-Lux zur Kultursoziologie unter Bedingungen im Internet, und Alexander Leistner mit seinem Plädoyer für eine engagierte Soziologie, die sich aktuellen Problemen stellt, auch wenn das so schon von Boudieu gefordert wurde), bot die Tagung allerdings nichts, aber auch wirklich nichts neues. Ein abgedroschener Theoretiker nach dem anderen wurde bemüht, kein neuer Ansatz, keine  neue, aufregende Theorie, und noch viel weniger: irgendwelche Methoden oder wenigstens Methodologien wurden dem überwiegend ‘etablierten’ Publikum, wenn mir diese Elias Referenz als gefühlter ‘Aussenseiter’ erlaubt sei, zugemutet. Vor allem aber die Kritik an den einzigen beiden Vorträgen, die etwas wagten, war zum Schreien: in der Art: “Internet? da lesen Sie erst mal bei Marx nach” – wobei Marx wäre noch erfrischend gewesen; Plessner und Gehlen rauf und runter und wollte jemand zeitgemäss wirken brachte er Ameisen ins Spiel. Das war es dann aber auch schon. Vielleicht waren es die 40 Grad im Raum, aber wenn kampferprobte Querdenker wie Manfred Lauermann noch ihre Nerven und ihren Witz behielten, kann es eigentlich auch das nicht gewesen sein. Der Stein des Anstosses war geboten: Wie sollte man hier bestehen können, wie einem solch trägen Apparat wie einer Sektion zeigen, dass es sich lohnt auch mit neuen Augen zu sehen, die alten Brillen zumindest gelegentlich durch neue zu ersetzen oder zumindest einmal zu putzen? Kann es wirklich sein, dass man all das kennen, gelesen, zitieren, und dann hoffentlich – weil man bei der schieren Menge des Geschriebenen nur scheitern kann – etwas kreativ missverstehen muss, um wissenschaftlichen ‘Fortschritt’ (in einem temporalen, nicht einem teleologischen Sinn) zu dienen?

Eine zweite Episode nun vor einigen Tagen. Ein Eingeständnis zu Beginn: ich habe nie Philosophie studiert, kaum Philosophen gelesen, kenne keine Diskurse, keine autoritativen Interpretationen, und von Philosophen des 19. und 20. Jahrhunderts habe ich nur Kant (fast nicht), Hegel (verschwindend), Marx (das Übliche), Heidegger (einzelne Auszüge), Derrida (ein paar Aufsätze), und dann nur noch einige wenige, die von Soziologen stärker rezipiert wurden oder gar für Soziologen gehalten werden, gelesen. Ich habe, kann man also zusammenfassen, absolut keine Ahnung. Aber ernsthaft Sozial- oder Kulturtheorie zu treiben ist ohne diese philosophische Grundlage schlicht nicht möglich. Wie also beginnen (oder fortsetzen)? Fährt man dann zu Dussmann (wohnt man in Berlin, dann ist Dussmann eine gefährliche, geldverschlingende Anwesenheit…), ist das Regal erleichternd klein (also im Vergleich zur Kochbuchecke, Schundromanen, den Räumen voller Biographien, usw.). Und dennoch: ein kleines Regal voller “grundlegenden” Werken (so zumindest auf nahezu jedem Klappentext zu lesen). Das hält doch kein Mensch aus! Wer soll das lesen, und wie Gesellschaft und Kultur beobachten und diese Bücher ignorieren?

Zumindest Pierre Bayard1 beruhigt, wenn er schreibt, die Haupt-Beziehung, die selbst eine fleissige Leserin zu Büchern hat ist, dass sie sie nicht gelesen hat (oder so ähnlich – Buch gerade nicht zur Hand…). Eigentlich haben wir nahezu alles nicht gelesen. Also warum verzweifeln, es ist schlicht normal. Aber ist es das?

Fritz B. Simon sagt in einem kleinen aber immer wieder zu zitierenden Videointerviewschnipsel auf Youtube, dass Wissen heute nichts mehr wert sei. Es habe die Verfallszeit von Südfrüchten.

Und er mag recht haben. So hofft man. Aber ist das schon angekommen? Wie daraus lernen? Simon dreht es um und sagt: Wissen ist eine Form der Lernbehinderung – wenn ich etwas weiss (oder zu wissen glaube) muss ich nichts mehr lernen. Und man kann nur applaudieren, so Recht hat er.

Beruhigend ist dies alles aber nicht. Ganz im Gegenteil. Auf Veranstaltungen der DGS Sektionen, vor dem Philosophie-Bücherregal oder einem beliebigen Vortrag eines zufälligen Geistes- oder Sozialwissenschaftlers lauschend, wird einem der eigene Wissensschatz als zu gering bewusst. Zwangsläufig. Und das ist vermutlich gewollt (oder zumindest liegt es in der Form der Kommunikation begründet – über die Strategien der Akteure lässt sich bekanntlich nur mutmassen). Wer Wissen hat, und es auf einem beschwerlichen Weg des Wissenserwerbs gewann, um es nun in der so erreichten Position gewinnbringend einzusetzen, wird sicher nicht an einem Ansatz mitarbeiten, der eben jenes Wissen und damit die Berechtigung die besetzte Position zu halten, unterläuft. Da steht es also, das Regal im zweiten Stock im Dussmann; gleich hinter der Esoterik-Ecke. Und mit jedem Vortrag an Unis überall auf der Welt bekommt es mehr Gewicht. Ein Wunder, dass die Klappentexte noch so bescheiden sind. Grundlegend, richtungsweisend, ein Klassiker – das klingt fast noch harmlos.

Slavoj Žižek – auch so ein Philosoph von dessen bedeutender Bedeutung (oder zumindest: Popularität) ich erst kürzlich (vor ca. 2 Jahren) erfuhr – sagte ganz am Ende eines empfehlenswerten Vortrags (man sieht, ich tue es auch…) an der FU Berlin, dass im Denken eine Gefahr liegt. Die Welt heute zwingt uns jedoch so schnell zu leben, dass genaues, strenges Denken nicht mehr möglich ist. sei daher vor allem als ein Machtinstrument der Denkverhinderung zu verstehen: wer mit Credits und Workload überladen wird, hat schlicht keine Zeit mehr, genau zu denken, langsam zu lesen, etc. Und Recht hat er. Also Žižek.

Aber es ist eben nicht die ganze Geschichte. Langsamkeit des Denkens ist in der Wissenschaft vielleicht nicht mehr im Studium, sicher aber noch auf der Karriereleiter weiter oben strukturell fundiert: wer hier bestehen will, muss schlicht das Spiel beherrschen den immer noch älteren Theoretiker zitieren zu können. Es gewinnt wer jemand zitiert, den die andere nicht kennt, von dem man aber glaubhaft vermitteln kann, dass ihn zu kennen jedermann gezwungen sei, wollte er ernst genommen werden. Langsamkeit, Schnelligkeit, beides hier nur Bilder für Machtverhältnisse und Werkzeuge. Begründbar aber scheint folgende, mit immer stärkerer Gewissheit zu Tage tretende Beobachtung:

Die Diskrepanz zwischen etablierter Langsamkeit (Tradition und Fachdiskurs) und aufstrebender Schnelligkeit () geht einen unguten weiten Schritt auseinander. Dies macht die Situation für Nachwuchs nahezu unmöglich: es ist nicht zu zitieren, was im Studium nicht gelesen werden kann.

Den Druck dieser Situation spüren, und begegnen ihm, beide Seiten auf ihre eigene Weise. Die Jungen verzweifeln entweder an der Überforderung oder pfeifen auf die Tradition – beides verhindert eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der absolut  und nach wie vor fundamental wichtigen Fachgeschichte des Denkzusammenhangs. Die Alten beschweren sich entweder über die Jungen, die schon in der Schule nicht mehr das Zeug lernen, dass man bräuchte für diese Uni (und mit dieser ist eine Uni gemeint, die es faktisch schon nicht mehr gibt, die aber auch nur um einen unbezahlbaren, autoritären Preis nur erhaltbar gewesen wäre) (siehe hierzu z.B. den an Selbstdenunzierung grenzenden Artikel von Georg Kamphausen in der FAZ vom 24.06.20122 – was nichts über Kamphausens Fähigkeiten aussagt und wohl mehr als Ausrutscher zu lesen ist) oder, oder meist: und, setzen umso mehr auf Strategien, die Macht erhalten, Autorität sichern, und neues Denken verhindern, oder zumindest verlangsamen. Das Neue ist das immer noch ältere (oder so ähnlich), sagt Stefan M Seydel in 3 .  

Was ist nun die Lehre, die zu ziehen wir aufgefordert wären, würden wir uns um die Zukunft sorgen, wüssten wir nicht, dass 1.) eh alles anders kommt und 2.) als man denkt?
Wir brauchen Alte die Altes neu denken.
Wir brauchen Junge die Neues kühlen Kopfes denken.
Wir brauchen Alte und Junge, die zusammen denken.
Wir brauchen ein neues Verständnis von und eine Rückbesinnung auf das, was früher hiess: Forschung und Lehre gemeinsam zu denken. Dies und nur dies scheint die Bindung zu gewährleisten, die durch Macht und Zeit sonst verloren geht.
Schliesslich brauchen wir Alte, die Jungen sagen was zu lesen lohnt, und was nicht (etwas, das ich von Georg Kamphausen gelernt habe). Aber auch: Alte, die bereit sind Junge nicht mehr die gleichen Fehler machen müssen lassen (!), die sie einst machen mussten. Und schliesslich Alte, die vergessen und sich neues neu zeigen lassen. Das dies wichtig scheint, dafür scheint Altersdemenz nur ein (zugegeben etwas konstruierter) Hinweis. Aber wie sagte 

Katrin Passig 2012: das einzige echte und in der Evolution erprobtes Mittel gegen unpassende, überholte, alte Gedanken ist: man schafft den Kopf ab. Es fehlen heute schlicht die Schollen, auf die sich alte Gedanken setzen können, um neuen Platz zu machen. Anderes anders machen. So auch Tina Piazzi und Stefan M. Seydel4 Wir brauchen Leute, die Bücher wegschmeissen können. Gelesen, ungelesen, eingeschweisst5. Nur durch Vergessen können wir erinnern, und Vergessen ist in Zeiten des Internets bekanntlich eine echte Schlüsselqualifikation geworden, die zu lernen alle gezwungen sind, die zu lehren aber überraschender weise nur die Jungen im Stande scheinen. Wer jetzt sagt: ‘das war schon immer so, das war auch schon so als wir damals studierten das los der Jungen’, der will es vielleicht auch nicht verstehen.  


  1. Bayard, Pierre. 2009. Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat. Translated by Lis Künzli. München: Goldmann. 

  2. Kamphausen, Georg. 2012. “Wie Studenten denken – Eine Stichprobe.” Frankfurter Allgemeine Zeitung, June 20, sec. Forschung und Lehre. 

  3. Piazzi, Tina, and Stefan M Seydel. 2010. Die Form der Unruhe: Band 2 – Die Praxis. Vom Buchdruck zum Computer. Handlungsprinzipien zum Umgang mit Informationen auf der Höhe der Zeit. Vol. 2. Hamburg: Junius.

     

  4. Piazzi, Tina, and Stefan M Seydel. 2010. Die Form der Unruhe: Band 2 – Die Praxis. Vom Buchdruck zum Computer. Handlungsprinzipien zum Umgang mit Informationen auf der Höhe der Zeit. Vol. 2. Hamburg: Junius. 

  5. Kenner lesen hier einen Verweis auf Harald Schmidt